Drittes Forum des Bürgerrats

Wenn Hausaufgaben im Netzzeitalter per Post zugestellt werden, läuft Schule nicht optimal. Szenen wie diese hat Sachsen zu Beginn der Corona-Pandemie erlebt. Dass Bildung unter Krisenbedingungen künftig anders funktionieren kann, hat der Bürgerrat am 16. Oktober diskutiert.

Als Eltern, Großeltern oder Engagierte im Bildungsbereich haben sie ähnliche Beobachtungen gemacht: Ein Kinderzimmer lässt sich nicht einfach zum Klassenraum umfunktionieren. Vier Wände und ein Bildschirm ersetzen den sozialen Lernort Schule nicht adäquat. Die Lockdowns der vergangenen Monate haben offengelegt, dass das sächsische Schulsystem nur bedingt auf Krisensituationen vorbereitet ist. Zum Beispiel in Sachen Digitalisierung. 

 

 

Mal ringt diese Rückschau den 50 Bürgerinnen und Bürgern, die sich am „Forum Corona“ beteiligen, ein Kopfschütteln, mal ein Schulterzucken ab. Aber daran hält sich niemand auf. Denn wirklich wichtig ist an diesem 16. Oktober, aus Pandemie-Entscheidungen konstruktive Schlüsse zu ziehen. Wie kann das Krisenmanagement in Bildungseinrichtungen mit den Erfahrungen aus Corona-Zeiten anders funktionieren? Diese Frage leitet den Bürgerrat.

 

Lernen aus sozialer Isolation und psychischem Druck

Konkrete Themen haben die Sächsinnen und Sachsen daher vorab als drängend markiert. Erstens den Aspekt Schule und Digitalisierung, zweitens die sozialen und psychischen Folgen der Lockdowns und drittens die Bildungsgerechtigkeit der sogenannten Generation Corona. In Arbeitsgruppen werden Herausforderungen diskutiert, Idealbilder für die Zukunft erarbeitet und mögliche Ideen zu politischen Maßnahmen zusammengetragen.

 

 

Vor allem die soziale Isolation ist im Gespräch ein wiederkehrendes Thema. Nicht jedes Kind könne zu Hause allein lernen oder sich zu Leistung motivieren. Das erklärt eine Mutter von vier Kindern im Schulalter. Diese Situation führe zu psychischem Druck. Besonders wenn jetzt Lernrückstände aufgeholt werden sollen. Ähnlich geht es einem Vater, der im Kinder- und Jugendsport aktiv ist. Ihn belastet, wie viele Kinder aus sozial benachteiligten Haushalten „komplett vergessen“ wurden. Zum Beispiel, wenn Eltern beim Lernen nicht unterstützen konnten oder aber schlicht die Technik fehlte, um mit anderen in Kontakt zu bleiben.

 

Erzwungene Erneuerung bewusst gestalten

Das ist auch ein Punkt den Joanna Kesicka stark macht. Die Sprecherin des Landesschülerrats äußert sich im Gremium als Expertin. Sie erzählt nicht nur von jenen Schulaufgaben, die altmodisch im Briefkasten landeten, sondern auch von „vergessenen Schülerinnen und Schülern“. Nur ein Beispiel: Im Gegensatz zu Gymnasialklassen sei zu wenig über Ober- und Förderschulen gesprochen worden. Viele Neunt- und Zehntklässler hätten Corona-bedingt nie die Chance auf ein Praktikum gehabt. Das erschwere nun die berufliche Orientierung für etliche Schulabgänger.

Und trotz aller Kritik habe die Pandemie auch etwas bewegt, meint die Abiturientin. Nämlich Fortschritte in der digitalen Medienbildung und Lehrerkompetenz. Corona hätte eine Erneuerung erzwungen, die jetzt ganz bewusst fortgeschrieben werden müsse.

 

 

Neben Kesicka liefern weitere Expertinnen unterstützend Input, um den Dialog zwischen Fach- und Alltagsperspektive zu fördern. Egal, ob wissenschaftliche Analyse, praktische Sozialarbeit oder eben die Eindrücke der Bürgerinnen und Bürger — alle Teilnehmenden des Rats kommen zu dem Schluss: Schule ist ein sozialer Lernort. Das unterstreicht Prof. Dr. Anke Langner, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Technischen Universität Dresden. Sie spricht von einer Lebenseinrichtung, einem psychosozialen Anlaufpunkt. Deshalb könnten digitale Angebote den klassischen Präsenzunterricht auch nur ergänzen, nie ersetzen. Langner betont, dass sich das Schulsystem nach Corona reformieren müsse. Zur Digitalisierung gehöre etwa ein IT-Team für jede Schule, um den technischen Wandel zu vollziehen und Lehrkräfte zu entlasten.

Heike Mann, Sozialpädagogin und Leiterin der Fachstelle der Arbeiterwohlfahrt Dresden zur Prävention sexualisierter Gewalt berichtet zudem, wie der Beratungsbedarf in Corona-Zeiten in die Höhe geschnellt ist. Gerade während der Lockdowns hätten Kinder und Jugendliche keine Möglichkeit gehabt, Lehrerinnen und Lehrer bei Problemen anzusprechen und sich zu öffnen.

 

 

Mit ungleichen Bildungschancen und deren Folgen beschäftigt sich Prof. Dr. Birgit Leyendecker von der Ruhr-Universität Bochum. Sie leitet das interdisziplinäre Zentrum für Familienforschung und berichtet im Plenum unter anderem über die „3W“, die zu Bildungsnachteilen durch die Pandemie führten: geringer Wohlstand, geringer Wohnraum und geringes Wohlbefinden von Kindern und Erwachsenen in der Familie. Mindestens ein Drittel der Kinder brauche Unterstützung, um den Anschluss nicht zu verlieren.

 

Ideen zu neuen Lernformaten

Um auf diese Herausforderungen im Katastrophenfall künftig vorbereitet zu sein, entwickeln die Bürgerrätinnen und -räte Empfehlungen. Sie sollen der Regierung 2022 als Handlungsanleitung überreicht werden. Dieser Prozess demokratischer Teilhabe wurde vom Sächsischen Staatsministerium der Justiz und für Demokratie, Europa und Gleichstellung initiiert, die Initiative Offene Gesellschaft e.V. realisiert ihn.

Nur ein Vorschlag, der im Forum diskutiert wurde wurde: Methoden der Stressbewältigung in der Schule praktisch zu vermitteln. Dazu gehöre, Kinder und Jugendliche zu ermutigen, über Druck zu sprechen und damit psychische Probleme weiter zu enttabuisieren. Ein Teilnehmer regt ein neues Format an und schlägt dafür den Arbeitstitel „Das Lernen lernen“ vor. Dieses solle die Selbstständigkeit fördern und so Schule im Homeoffice besser möglich machen.

 

 

Viele äußern die Meinung, dass auch die Lehrpläne kritisch überprüft werden sollten. Wenn die Pandemie zeige, dass Schule ein gemeinschaftsstiftender Ort ist, dürfe nicht nur die reine Wissensvermittlung im Vordergrund stehen. Für all diese Ideen gibt es letztlich eine Klammer: Investitionen. Unter anderem in Personal und Fachkräfte, so die Anregung der Teilnehmenden. Einig sind sich alle, dass nicht das Engagement einzelner Lehrkräfte darüber entscheiden darf, ob Schülerinnen und Schüler gut oder schlecht durch so eine Krise kommen. 

Vier Stunden Onlinegipfel bedeuten an diesem Samstag vor allem vier Stunden angeregter Dialog. Kurzweilig, konstruktiv, spannend – dieses Fazit ziehen die Teilnehmenden in der Abschlussrunde unter das neue Format Bürgerrat. Der respektvolle Austausch mit anderen Sächsinnen und Sachsen motiviere für die kommende Debatte. In dieser wird dann die Wirtschaft im Fokus stehen.

 

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